Philipp Ther – Der Schatz. Eine böhmische Familiengeschichte
4. November 2026, 18:30–20:00
Philipp Ther – Der Schatz. Eine böhmische Familiengeschichte
4. November 2026, 18:30–20:00
Im April 1945, die Rote Armee hat längst die Oder überschritten, vergräbt Otto Ther eine Schatzkiste. Mit einem Diamantkreuz, Schmuck und frisch poliertem Silberbesteck. Die Preziosen sollen am Fuß des Riesengebirges überdauern, bis die Familie zurückkehren kann in den Ort, der auf Deutsch Hohenelbe heißt und auf Tschechisch Vrchlabí.
Wie Millionen Deutsche müssen die Thers fliehen, unterwegs werden sie zerstreut. Otto stirbt in einem bayerischen Flüchtlingslager. Offiziell an einer Rippenfellentzündung, in Wirklichkeit an Verzweiflung.
Otto Ther ist der Großvater des großen Historikers Philipp Ther. Nach dem Mauerfall macht sich dieser immer wieder auf in die verlorene Heimat im Norden Tschechiens. Gemeinsam mit seinem Vater durchstreift er den Ort und die sanfte Hügellandschaft.
Die legendäre Truhe finden sie nicht, dafür bekommen sie im örtlichen Museum drei Kisten voller Fotos und Dokumente überreicht, die sich als Schatz für den Historiker erweisen: Er kann die Verstrickung der Familie in den Aufstieg der Sudetendeutschen Partei und des Nationalsozialismus rekonstruieren, das Schicksal der jüdischen Mieter, die Traumata des Vaters, der mit sechzehn gleich zweimal zum Volkssturm musste.
Daraus entsteht nicht nur eine faszinierende Familiengeschichte, sondern zugleich ein Porträt einer europäischen Region, die lange im Schatten des Eisernen Vorhangs lag.
Das Buch „Der Schatz. Eine böhmische Familiengeschichte” erscheint bei Suhrkamp.
Das Gespräch mit Philipp Ther führt Matti Bunzl.
Philipp Ther, geboren 1967, ist Sozial- und Kulturhistoriker. Nach Stationen u.a. an der FU Berlin, der Viadrina in Frankfurt/Oder, an der Harvard University und am European University
Institute in Florenz ist er seit 2010 Professor am Institut für Osteuropäische Geschichte der Universität Wien.
Seine Bücher Die dunkle Seite der Nationalstaaten. „Ethnische Säuberungen” im modernen Europa (2011), Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent. Eine Geschichte des neoliberalen Europa (2014), Die Außenseiter. Flucht, Flüchtlinge und Integration im modernen Europa (2017) und Der Klang der Monarchie. Eine musikalische Geschichte des Habsburgerreichs (2025) wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet. 2019 erhielt Ther den Wittgenstein-Preis, den höchstdotierten Wissenschaftspreis Österreichs.
Abbildung von Philipp Ther, Foto: Jürgen Bauer/Suhrkamp Verlag
