Dem Glücklichen schlägt keine Stunde ...
... oder wie die Vorstellung von der „Wiener Gemütlichkeit“ entstand
8. November 2001 – 3. Februar 2002
Dem Glücklichen schlägt keine Stunde ...
... oder wie die Vorstellung von der „Wiener Gemütlichkeit“ entstand
Warum kommt man in Wien
so oft zu spät?
Weil wir so "gemütlich" sind?
Oder stimmt dieses Vorurteil
gar nicht?
Warum und seit wann sieht
uns die Welt so?
Die Antwort auf diese Fragen gibt Ihnen der Historiker Dr. Erhard Chvojka, der im Jahr 2000 ein Forschungsprojekt zum Thema "Die Bedingungen der Verzuhrzeitlichung Wiens in der Frühen Neuzeit (16. bis 18. Jahrhundert). Ausgangspunkte für den "Wiener Sonderweg" des Zeitverhaltens und Zeitempfindens in der Moderne", gefördert von der Magistratsabteilung 18 - Referat Wissenschafts- und Forschungsförderung, durchgeführt hat.
Erhard Chvojka zur Ausstellung:
Die spezifische "Wiener Gemütlichkeit" gilt weltweit als ein bestimmendes Merkmal der Wiener Mentalität. Seit längerem betrachten Einheimische wie auch Besucher das Fehlen übermäßiger Hektik sowie die Gelassenheit gegenüber allzu strikten Zeitzwängen als wichtigen Bestandteil der Wiener Lebensart. Die Ausstellung begibt sich auf die Suche nach den historischen Wurzeln dieses Klischeebildes sowie nach möglichen Ursachen für seine Entstehung.
Eine geschichtswissenschaftliche Betrachtung zeigt vorerst, dass Wien während der vergangenen Jahrhunderte im Rahmen der Durchsetzung der abstrakten Uhrzeit tatsächlich in mehrfacher Hinsicht einen Sonderweg beschritten hat. Bereits im Spätmittelalter und am Beginn der Frühneuzeit weist Wien im Vergleich zu anderen Städten einen auffälligen Rückstand im Bereich der technischen und alltäglichen Umsetzung uhrzeitlicher Normen auf. Dieser Rückstand wird bis etwa 1600 langsam aufgeholt. Danach erfolgt die Ordnung des Wiener Alltagslebens nach der Uhr allerdings in besonders tiefgreifendem Maße.
Im Gegensatz zu anderen mitteleuropäischen Großstädten wird die uhrzeitliche Ordnung Wiens während des 17. und 18. Jahrhunderts aber nicht von den stadtbürgerlichen Oberschichten bestimmt, sondern vor allem durch die katholische Kirche sowie durch den Kaiserhof und den Hofadel gestaltet. Gleichzeitig bleibt die Verankerung der Uhrzeit im Bewusstsein der breiten Masse der Wiener Bevölkerung durch zahlreiche "irrationale" und magische Vorstellungen gekennzeichnet.
Etwa seit Mitte des 17. Jahrhunderts entwickelt sich schließlich auf der Basis moralisierender Bewertungen sowohl von seiten auswärtiger Betrachter als auch Einheimischer die Vorstellung vom "langsam-gemächlichen" aber gleichzeitig auch außergewöhnlich "genussorientierten" Wien. Diese anfangs zumeist negativ verstandene Einschätzung wird im Lauf des 19. und 20. Jahrhunderts nach und nach in das positive Leitbild der "Wiener Gemütlichkeit" umgedeutet.
Die entsprechenden Entwicklungen auf dem Weg zur Vorstellung von Wien als einer "gemütlich-gemächlichen" Stadt werden mit Hilfe einschlägiger Bildquellen und dreidimensionaler Objekte, anhand von Beispielen der Wiener Uhrmacherkunst sowie durch ausgewählte Texte aus Chroniken, obrigkeitlichen Verordnungen, Reisebeschreibungen, Zeitungsartikeln, Pamphleten und Wiener Volkssagen illustriert.