Armut
31. Oktober 2002 – 2. Februar 2003
Armut
Ein Tabuthema als Ausstellung? Allen sozialen Fortschritten zum Trotz weitet sich die Armut nicht nur global in bedrohlichem Ausmaß aus, nein, sie ist auch vor unserer Haustür mitten in unserer erfolgs- und profitorientierten Gesellschaft präsent. "Die unglückliche Armut ist umso härter, als sie die Menschen lächerlich macht." (Juvenal, Saturae) Was schon der altrömische Dichter Juvenal konstatierte, verliert im Zeitalter der elektronischen Medien nichts an Aussagekraft: via Fernsehschirm werden wir täglich mit den Elendszentren der Welt genauso konfrontiert wie mit gescheiterten Existenzen von nebenan. Der Sozialvoyeurismus scheint zu blühen: aus sicherer Distanz werden Ursachen für und Maßnahmenkataloge gegen die Verarmung diskutiert. Diese Ausstellung über die Armut wagt sich nun auf die heikle Gratwanderung zwischen distanzierter, um Objektivität bemühter Abbildung des Elends und emotionsbeladener Sozialreportage. Sie fragt nach den Armutsfallen von einst, der Entwicklung der städtischen Armenfürsorge, nach den politischen Ansätzen zur Linderung der Not in den sozial schwachen Schichten, nach den Gründen für das Aussteigertum und Obdachlosigkeit, aber auch nach den karitativen Einrichtungen, die sich um die Not der Randgruppen unserer Gesellschaft kümmern. Neben historischen und zeitgenössischen Belegen zur Armutsproblematik kommt in dieser Schau, die in enger Zusammenarbeit mit der CARITAS und der Österreichischen Armutskonferenz entstand, der künstlerischen Reflexion ein besonders breiter Raum zu.
Im Unterschied zur Armut selbst ist jedoch das künstlerisch formulierte Bild der Not kaum mehr als ein halbes Jahrtausend alt, wobei anhand einiger schillernder Kräfte wie Callot, Ribera, Rembrandt, Waldmüller, Ranftl, Raimund, Nestroy, Kollwitz oder Picasso die historische Entwicklung in derVisualisierung bzw. Dramatisierung von Not und Elend eindrucksvoll skizziert werden kann.
Die Sonderschau findet nicht nur im Haupthaus am Karlsplatz, sondern auch an zwei signifikanten Nebenschauplätzen statt: Virgilkapelle (U-Bahnstation "Stephansplatz") wie auch in Schuberts Sterbewohnung (Kettenbrückengasse). Gerade das Bild des "armen Spielmannes“ prägt in der Musik und Literatur unsere Vorstellung von der "brotlosen Kunst“ und lässt allzu schnell die oft prekäre Situation von Künstlern vergessen.
Diese Ausstellung will aber nicht allein die materielle Armut vor unserer Haustür, sondern auch die seelische Verarmung in der Gestalt der Wohlstandsverwahrlosung, der inneren Immigration, der zunehmenden Austrocknung sozialer Kontakte thematisieren. Beleuchtet wird auch das kirchliche Armutsideal und die Rolle der Bettelorden seit ihrem Entstehen und ihrem Wirken im städtischen Raum. Historiker, Sozialwissenschafter, Volkskundler, Ethnologen, Kunsthistoriker, Medienfachleute, Politiker, Theologen und Sozialarbeiter konnten für dieses Projekt gewonnen werden, um aus ihrer Sicht das komplexe Problem zu erörtern. Eine Reihe von karitativen Veranstaltungen wird das Rahmenprogramm zur diesjährigen Herbst-Winterausstellung bilden (der Erlös aus diesen Zusatzveranstaltungen soll der Aktion "Licht ins Dunkel" zukommen).
"Nicht den Schnellen gehört im Wettlauf der Sieg, nicht den Tapferen der Sieg im Kampf, auch nicht den Gebildeten die Nahrung, auch nicht den Klugen der Reichtum, auch nicht den Könnern der Beifall, sondern jeden treffen Zufall und Zeit.“ (Buch Kohelet 9, 11)