Ballnächte

Damenmode des 20. Jahrhunderts

8. Dezember 2005 – 12. März 2006

Ballnächte

Damenmode des 20. Jahrhunderts

8. Dezember 2005 – 12. März 2006
Kategorie: Archiv

Ballsaison in der Hermesvilla

 

Wohin man schaut, glitzert und funkelt es, luxuriös gekleidete Damen rauschen in wallender Abendrobe vorbei, Paare drehen sich elegant zur Tanzmusik. Taxierende Blicke, verstohlene Gesten, erotisches Knistern. Doch nicht nur Glanz und Glamour bestimmen die Ballnächte: Zerbrochene Gläser und geleerte Champagnerflaschen zeugen von Ernüchterung und Langweile, von Melancholie und der Katerstimmung gegen Morgen.

Der bedeutende Schweizer Fotograf Jakob Tuggener (1904-1988) ist Jahrzehnte lang regelmäßig in das Nachtleben der bürgerlichen Oberschicht eingedrungen, um mit seiner Leica sämtliche Facetten rauschender Nobelbälle – von den Höhepunkten bis zu den Abgründen – zu erkunden. Dabei entstanden subjektive, expressionistische Momentaufnahmen, die von Intimität gekennzeichnet sind, ohne voyeuristisch zu sein.

 

"Bilderdichter" Tuggener erstmals in Wien zu sehen

 

Tuggener war ein Meister expressionistischer Fotografie, er wählte radikale Ausschnitte und dynamische Perspektiven, montierte seine Fotos zu filmähnlichen Bildserien. Wie bei einer Kamerafahrt hielt der Fotograf den Pulsschlag des Lebens der Reichen und Schönen fest, verdichtete flüchtige Momente zu einem poetischen Kaleidoskop.

"Der Photograph als Expressionist existiert nicht im Handelsregister", schrieb Tuggener 1950. "Er ist der Freieste und Freie. Losgebunden von allem Zweck, photographiert er nur die Lust seines Erlebnisses".

Jakob Tuggeners Meisterwerke sind nun erstmals in Wien zu sehen. Die Ausstellung "Ballnächte" hat in der mondänen Hermesvilla ihren kongenialen Spielort gefunden und versammelt über 100 Fotografien, die bei Schweizer Nobelbällen – etwa in Zürich und St. Moritz – entstanden sind. Ergänzt werden sie um Tuggeners Momentaufnahmen vom Wiener Opernball.

 

Von der High Society fasziniert

 

Der Züricher Jakob Tuggener ließ sich als Maschinenzeichner ausbilden und studierte Anfang der dreißiger Jahre in Berlin unter anderem Zeichnen und Film. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz hielt er sich eine Zeitlang mit Industriefotografie finanziell über Wasser. 1934 – zwei Jahre nach Erscheinen von Brassais bahnbrechendem Bildband "Paris de nuit" – kaufte Tuggener sich eine Leica, im gleichen Jahr begann seine Obsession für die Feste der High Society: Er fotografierte erstmals beim "Grand Bal russe" in Zürich.

Über zwei Jahrzehnte lang fotografierte der Schweizer Nobelbälle im Grand Hotel Dolder, im Züricher "Baur au lac" oder im Palace Hotel von St. Moritz. Später mischte er sich auch beim Wiener Opernball unters noble Publikum. Nebenbei beschäftigten ihn aber auch andere Themen wie das Landleben oder die Technik. 1943 landete Tuggener mit dem Buch "Fabrik", einem fotografischen Essay über die Beziehung zwischen Mensch und Maschine, einen großen Erfolg. 
Ab sofort zählte er zur Avantgarde der Schweizer Fotografie: Nach dem Krieg wurden seine Bilder unter anderem im New Yorker Museum of Modern Art gezeigt und in zahlreichen Zeitschriften ("Leica-Fotografie", "Du" etc.) publiziert. 1969 fand in München eine erste große Gesamtschau seiner "Ballnächte"-Bilder statt. 

Die Ausstellung in der Hermesvilla ist eine Kooperation des Wien Museums mit der Fotostiftung Schweiz und der Jakob Tuggener-Stiftung.

© 2026 Wien Museum
Österreichisches Umweltzeichen - Grünes Museum