Neuankäufe und Schenkungen

- Tennisracket der Fa. Gebrüder Thonet, um 1905 © Wien Museum
Tennisracket der Fa. Gebrüder Thonet, um 1905
Eschenholz, Metall, Hanf gewachst
Länge: 69,5 cm
Wien Museum, Inv.Nr. 301.253
Ankauf 2011
Nicht auf einem Rasen, sondern auf dem Zementboden des "Skating-Rinks" - einer Rollschuhhalle neben dem Wiener Eislauf-Verein - wurde in den 1870er-Jahren das erste "Lawn-Tennis"-Match in Wien ausgetragen. "Lawn-Tennis", wie das moderne Tennis zunächst hieß, entwickelte sich rasch zum Lieblingssport der Wiener "High-Society". 1891 stieg die Firma Gebrüder Thonet in das florierende Geschäft mit Tennisrackets ein. Als um 1900 der Tennis-Boom seinen vorläufigen Höhepunkt erreichte, hatte Thonet bereits über 25.000 Schläger produziert.
Vor kurzem konnte das Wien Museum ein frühes Thonet-Racket erwerben. Das aus Eschenholz gefertigte Modell ist in doppelter Hinsicht ein wichtiger Sammlungszuwachs: Es erzählt von bürgerlichen Sport- und Spielpassionen, ermöglicht aber zugleich auch ungewohnte Perspektiven auf die Geschichte der Bugholz-Pioniere, die sonst in erster Linie für ihren Stuhl-Klassiker gewürdigt werden.

- Hans Makart, Selbstporträt vor Staffelei, vor 1869 © Wien Museum
Hans Makart
Selbstporträt vor Staffelei, vor 1869
Öl auf Papier auf Platte
42,5 x 31,5 cm
Wien Museum, Inv.Nr. 235.438
Ankauf 2010
Der "Malerfürst" Hans Makart (1840–1884), der wie kein zweiter Künstler die Malerei, Mode, Wohnkultur und Theaterausstattung der Ringstraßenzeit beeinflusste, war ein Meister der Selbstinszenierung. Umso verwunderlicher ist es, das Makart weitgehend auf das traditionelle Medium künstlerischer Selbstdarstellung verzichtete: das Selbstporträt. Lediglich vier eigenständige Selbstbildnisse des Künstlers sind bekannt, die alle aus der Frühzeit seiner Karriere stammen. Eines davon ist das bislang wenig bekannte Selbstporträt an der Staffelei, das vom Wien Museum 2010 angekauft wurde und vermutlich aus der Münchner Zeit Makarts stammt.
Der Künstler sitzt hier vom Betrachter halb abgewandt mit lässig verschränkten Beinen auf der Kante eines Hockers. Entgegen den Erwartungen ist nicht ein Malerfürst im prachtvollen Atelier zu sehen, sondern ein Künstler im einfachen Straßengewand vor der Kulisse eines sparsam möblierten Zimmers. Das Bild, das Makart hier von sich entwirft, entspricht damit ganz dem romantischen Mythos des mittellosen Bohemiens und wurde vermutlich von seinen Paris-Reisen und der zeitgenössischen französischen Kunst beeinflusst. Eher für private als für öffentliche Zwecke bestimmt, erweitert dieses Bild die bekannte Palette der Selbstinszenierungen Makarts, die dieser ab den 1870er Jahren vor allem im Medium der Fotografie pflegte.

- Environment Transformer, "Flyhead", 1968 © Wien Museum
Haus-Rucker-Co
(Laurids Ortner, Manfred Ortner (ab 1971),
Klaus Pinter (bis 1977), Günter Zamp Kelp)
Environment Transformer "Flyhead", 1968
Kunststoff, Klebefolie, Kopfhörer
27 x 33 x 25 cm
Wien Museum, Inv.Nr. 300.940
Ankauf 2011
Die österreichische Architekten- und Künstlergruppe Haus-Rucker-Co bestand von 1967 bis 1992 in unterschiedlicher personeller Zusammensetzung. Von Beginn an beschäftigte sie sich mit Fragen der Transformation der räumlichen Wahrnehmung und der Bewusstseinserweiterung durch künstlerische und architektonische Interventionen und Performances, die zumeist im öffentlichen Raum stattfanden. Haus-Rucker-Co waren damit Teil des "Austrian phenomenon" – ein Begriff, den der britische Architekt Peter Cook zur Beschreibung der für die ZeitgenossInnen zugleich provokanten und faszinierenden avantgardistischen Architekturprojekte im Österreich der 1960er- und frühen 1970er Jahre prägte. Neben den "Haus-Ruckern" zählten unter anderem auch Raimund Abraham, Coop Himmelb(l)au, Günther Domenig und Eilfried Huth, Heidulf Gerngross, Angela Hareiter, Hans Hollein oder die Gruppe Zünd-Up zeitweise zu den Exponenten dieses "Phänomens". Sie alle stellten die nach 1945 etablierten Konventionen der modernen Architektur und des modernen Städtebaus mit oftmals ironischen Mitteln in Frage und boten damit Auswege aus der alles beherrschenden Doktrin eines zunehmend banalisierten "Funktionalismus" an.
Vor Kurzem konnte das Wien Museum eines der bekanntesten Objekte aus einer frühen Arbeit von Haus-Rucker-Co erwerben: einen "Environment Transformer" aus dem Jahr 1968. Das Helm-Modell "Flyhead", das auch die Faszination der 1960er Jahre für Kunststoffe und die spezifische Pop-Ästhetik der Zeit widerspiegelt, beschrieben die Haus-Rucker im Jahr 1971 so: "Helm aus farbig-transparentem PVC. Prismen filtern und multiplizieren optische Eindrücke. Umweltgeräusche werden über ein Mikrofon empfangen, durch ein tragbares Echogerät überhöht und auf Kopfhörer übertragen. Audivisuelle Verfremdung des Umwelterscheinungsbildes." Sinn und Wirkung bekommt der "Flyhead" aber erst im Gebrauch bzw. durch seine mediale Repräsentation, an der die Haus-Rucker stets mitarbeiteten: Präsentiert von einem männlichen farbigen Model wurde der "Flyhead" bereits 1969 im US-amerikanischen Lifestyle-Magazin "Esquire" publiziert und dadurch international bekannt.

- Anzug von Falco (Johann Hölzel), Entwurf: Helmut Lang, Wien 1984, © Wien Museum
Anzug von Falco (Johann Hölzel)
Entwurf: Helmut Lang, Wien 1984
Grauer Viskosemoiré
Jackenlänge: 72 cm, Ärmellänge: 65 cm, Schulterbreite: 48 cm,
Bundweite: 84 cm, Hosenlänge: 108 cm
Wien Museum, Inv.Nr. 233.308/1 und 233.308/2
Ankauf durch den Verein der Freunde des Wien Museums, 2010
Diesen Anzug trug der Wiener Sänger und Musiker Falco (eigentlich Johann „Hans“ Hölzel, 1957–1998) sowohl bei Konzerten und in einem Musikvideo als auch privat. Er stammt aus der Zeit des Höhepunkts von Falcos Karriere; Image und Optik waren in der New Wave ebenso wichtig wie die Musik.
In diesem Designobjekt sind zwei internationale Wiener Stars der 1980er-Jahre präsent: Falco, der mit „Rock me Amadeus“ im Jahr 1985 als erster deutschsprachiger Popmusiker den ersten Platz in den US-amerikanischen Billboard-Charts eroberte, sowie Helmut Lang, der in den 1980er-Jahren von Wien aus zu einem der führenden internationalen Modedesigner wurde.
Mit dem Hit „Der Kommissar“ war Falco, der auf Grund seiner innovativen Texte auch als „erster weißer Rapper“ bezeichnet wurde, gerade zum internationalen Star aufgestiegen. 1984 erschien sein zweites Album "Junge Roemer“, das von den Video-Produzenten Dolezal & Rossacher für den ORF filmisch umgesetzt wurde. Für das Video zum Song "Brillantin’ Brutal’" – eine Humphrey-Bogart-Parodie, in der Falco gemeinsam mit dem Model Cordula Reyer zu sehen ist - fiel die Wahl auf diesen Anzug von Helmut Lang, der in der Wiener Innenstadt eine Boutique („Bou Bou Lang“) betrieb. Als die Regenmaschine zum Einsatz kam, geschah etwas Unerwartetes: Der nass gewordene Anzug begann plötzlich einzugehen. Falco, der den exklusiven Anzug privat um die damals extrem hohe Summe von 35.000 Schilling erworben hatte, war verärgert. Reklamationen waren aus vertraglichen Gründen nicht mehr möglich; der Film wurde mit dem sichtbar geschrumpften Anzug zu Ende gedreht.
Für die Sammlung des Wien Museums ist der Anzug von doppelter Bedeutung: Es handelt sich um ein aussagekräftiges Erinnerungsstück an einen Star der Populärkultur und zugleich um einen wichtigen Zugang für die bedeutende Modesammlung des Hauses.

- Rosalia Amon, Mädchen am Fenster, 1849, © Wien Museum
Rosalia Amon
Mädchen am Fenster, 1849
Öl auf Leinwand
79,5 x 63,5 cm
Sign. u. dat. re. u.: Rosa Amon / 1849
Wien Museum, Inv.Nr. 229.167
Ankauf durch den Verein der Freunde des Wien Museums, 2009
Rosalia Amons brillantes Porträt besticht durch die natürliche und vitale Präsenz der Dargestellten. Die geschickte Lichtführung suggeriert das Heraustreten des Mädchens aus dem dunklen Zimmer, sie scheint geradezu in die Raumebene des Betrachters überzuwechseln. Wie ihr Lehrer Ferdinand Georg Waldmüller legt Amon ein besonderes Augenmerk auf die stoffliche Erscheinung der Dinge unter verschiedenen Lichtbedingungen. Die Detailfreude des Oberflächenrealismus und ein erzählerischer Zug in der Darstellung verbinden sich zu einem typischen Biedermeierporträt. Der Blick des Mädchens schweift träumerisch in die Ferne; gedankenverloren hält es einen Rosenstock im Arm und ist im Begriff, eine Blüte zu brechen. Die Blumen sind mehr als nur malerisches Beiwerk: Sie geben dem Porträt zusätzlich Bedeutung, indem sie in symbolischer Form auf Jugend und Vergänglichkeit verweisen.
Gerade das „Mädchen am Fenster“ belegt die motivische wie künstlerische Nähe zu Waldmüller und die hohen malerischen Qualitäten der Künstlerin, über die nur wenig bekannt ist. 1825 in Palermo geboren, tritt sie in den 1840er-Jahren in Wien mit Blumen- und Früchte-Stillleben auf Ausstellungen in Erscheinung und betätigt sich auch im Porträtfach. Das Gemälde stellt eine wertvolle Ergänzung des hochkarätigen Bestands an Biedermeier-Malerei im Wien Museum dar.

- Grete Wiesenthal, Fotografie von Franz Xaver Setzer © Wien Museum
Grete Wiesenthal, 1932
Fotografie von Franz Xaver Setzer
33 x 24 cm
Wien Museum, Inv.Nr. 249.664
Ankauf Antiquariat Weissenböck, Salzburg, 2009
Mit ihren unkonventionellen Tanzprogrammen wurde die Tänzerin, Choreografin und Tanzpädagogin Grete Wiesenthal (1885–1970) im frühen 20. Jahrhundert zum Star. Ursprünglich Tänzerin im Hofopernballett, verließ sie die Oper 1907 und gründete mit ihren Schwestern Elsa und Bertha eine unabhängige Tanzgruppe, die eine neue Körpersprache im Tanz entwickelte. Wiesenthal versuchte, das Posenhafte und Statische des klassischen Balletts zu überwinden und in einem schier endlosen Schwingen und Drehen aufzulösen. Tanz sollte ein befreiendes Erlebnis sein und individuelle Gefühle zum Ausdruck bringen – ein Ziel, das Wiesenthal mit vielen anderen Tänzerinnen und Tänzern teilte, die in den 1920er-Jahren eine Erneuerung des Tanzes anstrebten.
Zu Wiesenthals berühmtesten Kunstwerken gehörten ihre ekstatischen Choreografien zu Wiener Walzern, allen voran zu jenen von Johann Strauß (Sohn), für die sie in den USA als Wiens „Queen of the dance“ gefeiert wurde. Sie arbeitete als Tänzerin und Choreografin mit Max Reinhardt bei den Salzburger Festspielen zusammen, inszenierte ab 1926 Ballette an der Staatsoper und lehrte von 1934 bis 1952 an der Tanzabteilung der Akademie für Musik und Bildende Kunst. In den 1920er und 1930er-Jahren galt Wiesenthal, die auch als Stummfilmschauspielerin auftrat, als die „Grande Dame“ der Szene. Hugo von Hofmannsthal schrieb für sie eigene Tanzpantomimen.
Im Jahr 1981 wurde eine Gasse in Wien-Favoriten nach Grete Wiesenthal benannt; das Historische Museum der Stadt Wien widmete ihr 1985 die Ausstellung „Die neue Körpersprache“. 2009 erwarb das Wien Museum einen Bestand von insgesamt 62 Aufnahmen, die der Fotograf Franz Xaver Setzer (1886–1939) von Grete Wiesenthal angefertigt hat. Setzer lichtete in seinem Atelier in der Museumsstraße im 7. Bezirk auch zahlreiche andere Stars der Wiener Opern- und Theaterwelt ab.

- Schriftzug "Südbahnhof", Fotografien von Didi Sattmann © Wien Museum
Schriftzug "Südbahnhof", frühe 1960er-Jahre
Edelstahl und lackiertes Blech auf Eisenträgern
90 x 1300 x 10 cm
Wien Museum, Inv.Nr. 233.317
Schenkung der ÖBB Infrastruktur AG, 2009
Fast ein halbes Jahrhundert lang befand sich dieser Schriftzug über dem gürtelseitigen Haupteingang des Wiener Südbahnhofes und markierte damit weithin sichtbar jenen Stadtraum, der jahrzehntelang als wichtigstes Tor Richtung Süden und Osten galt. Von hier brach man zum Semmering und in die Steiermark auf, nach Venedig und Triest, nach Marchegg und nach Budapest. Hier kamen ab Mitte der 1960er-Jahre aber auch die ersten Sonderzüge mit „Gastarbeitern“ aus Jugoslawien und der Türkei an. Der Südbahnhof wurde damit für zahlreiche Menschen nicht nur ein Ort, von dem aus man mit Fernweh nach der Sonne des Südens aufbrach, sondern auch mit Sehnsucht nach der „Heimat“.
Erbaut zwischen 1951 und 1960 nach Plänen des Architekten Heinrich Hrdlička, führte der Südbahnhof am ehemaligen Ghegaplatz erstmals Südbahn und Ostbahn in einem Gebäude zusammen. Der markante Schriftzug wurde allerdings erst nach 1961 an der Außenfassade angebracht. Mit seiner Abnahme am 12. Dezember 2009 wurde Abschied von diesem mit zahlreichen Erinnerungen besetzten Ort genommen: Aktuell wird der Südbahnhof abgerissen und macht einem Bürokomplex in Nachbarschaft zum neuen Hauptbahnhof Wien Platz. Das „Abschiedsfest“ vom Südbahnhof war von großem öffentlichen Interesse begleitet, die Bergung des Schriftzuges für das Wien Museum wurde gar in den ORF-Abendnachrichten im Fernsehen gezeigt.
Die zehn „Südbahnhof“-Buchstaben sind als Leitobjekt Teil einer ganzen Gruppe von Objekten, die das Wien Museum anlässlich der bevorstehenden Demolierung des Gebäudes für seine Sammlungen erworben hat. Zu diesen gehören die charakteristischen Bahnsteig-Schwingtüren ebenso wie Terrazzo-Bodenplatten, Marmor-Wandplatten und Schalterziffern. Das Wien Museum unterstreicht mit dieser umfassenden Erwerbung, welche hohe Bedeutung auch alltagsnahe, stark identitätsstiftende Zeugnisse der Infrastruktur-, Design- und Verkehrsgeschichte für seine Sammeltätigkeit haben.
