VÖLKERWANDERUNGSZEIT UND FRÜHGESCHICHTE

Die Völkerwanderungszeit (bis 568 n. Chr.) und die Frühgeschichte, die mit der Landnahme Karls des Großen nach seinen Siegen über Awaren um 800 endet, sind für den Wiener Raum noch wenig erforscht. Da bislang keine Siedlungen aus dieser Zeit entdeckt wurden, zeugen vor allem Gräberfelder von der Anwesenheit verschiedener Volksgruppen.

Das Wien Museum verwahrt die Inventare mehrerer bedeutender Bestattungsplätze aus dieser Epoche. Bereits 1897 und 1898 stieß man bei Bauarbeiten im Bereich der Kurz- und Mittelgasse in der Nähe des Mariahilfer Gürtels auf rund 30 in Reihen angeordnete Skelettgräber mit zum Teil reicher Ausstattung. Sie stammen aus der Zeit der Langobarden, die von 558/59 bis 567/68 n. Chr. im Wiener Raum siedelten. 

Aus der nachfolgenden Awarenzeit ragen vor allem zwei Gräberfelder mit ihren Inventaren heraus: Jenes in der Carlberggasse im 23. Bezirk, wo man in den Jahren 1943 und 1947 auch seltene dokumentierte Reitergräber entdeckte. Große Bedeutung für die Erforschung der awarischen Kultur hat jener Bestattungsplatz, der zwischen 1976 und 1977 bei Bauarbeiten für eine Wohnsiedlung in der Csokorgasse ausgegraben wurde. Denn in den rund 700 Gräbern ließen sich nicht nur Schmuck, Waffen, Trachtbestandteile, Webgewichte und Hygieneartikel finden, sondern – was sonst nur selten nachweisbar ist – auch Nahrungsbeigaben. Die Vielzahl solcher reich ausgestatteter Gräber lässt darauf schließen, dass sich im Wiener Raum ein bedeutendes awarisches Machtzentrum befand.

Da die frühgeschichtliche Sammlung des Wien Museums nach topografischen Kriterien geordnet ist, lässt sich leicht erkennen, dass Funde aus der Völkerwanderungszeit vor allem an jenen Orten der Stadt auftreten, an denen in den Epochen zuvor kaum gesiedelt wurde. In der Wiener Innenstadt – also in jenem Bereich, in dem sich zuvor das Zentrum der römischen Besiedlung befunden hatte – lassen sich nur wenige Relikte aus der Völkerwanderungszeit nachweisen. Das mag daran liegen, dass sich Reitervölker auf Grund ihrer nomadischen Lebensweise eher in unbebautem Gebiet niederließen.