MITTELALTER UND NEUZEIT

Obwohl man schon im späten 19. Jahrhundert begann, Baustellen in der Wiener Innenstadt archäologisch zu überwachen, fanden Baureste und materielle Güter aus dem Mittelalter und der Neuzeit lange Zeit wenig Beachtung. Erst seit den 1980er-Jahren werden gezielte Ausgrabungen mit mittelalterlichem oder neuzeitlichem Hintergrund unternommen; bedeutende Impulse dafür gingen vom innerstädtischen U-Bahnbau aus.

Die ältesten Objekte dieses Sammlungsbereichs sind Gefäßfragmente aus dem 9. und 10. Jahrhundert. Mit ihrer Hilfe lässt sich rekonstruieren, dass die ersten Zentren des mittelalterlichen Wien innerhalb der großteils erhaltenen Mauern des römischen Legionslagers angelegt wurden. Sie konzentrierten sich vor allem im Bereich zwischen dem Hohen Markt und der Ruprechtskirche.

Den größten Bestand innerhalb der Sammlung bilden Keramikscherben. Ihr Aussehen und die Zusammensetzung des Tons erlaubt Rückschlüsse auf die lokale Keramikindustrie bzw. auf den Import von Waren aus entfernten Gebieten. Scherben gehören zu den wichtigsten Quellen zur Alltagskultur dieser Zeit und geben Auskunft über eine Vielzahl von Lebensbereichen – von den Ernährungsgewohnheiten und der Tischkultur über die Müllentsorgung bis hin zur Mode. Denn bisweilen erscheinen auf den bemalten bzw. reliefierten Gefäßen und Kachelofenfragmenten auch Personen in zeitgenössischer Kleidung .

Zu einem bedeutenden Sammlungszuwachs kam es in Folge der Grabungen, die der Errichtung des Mahnmals für die jüdischen Opfer des NS-Regimes in Österreich 1938-1945 auf dem Judenplatz (1995-1998) vorausgingen. Dabei konnten die im Jahr 1421 zerstörte die Synagoge im Zentrum des Stadtviertels der mittelalterlichen jüdischen Gemeinde ergraben werden. Die dazugehörigen Artefakte gewähren Einblicke in das tägliche Leben der BewohnerInnen des Viertels und lassen Rückschlüsse auf die Ausstattung des Sakralbaus zu