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Oz Almog
Wiener en face
Portraits von Karrieren

19. Oktober 2000 bis 16. April 2001

1130 Wien, Lainzer Tiergarten
T: +43 (0)1 804 13 24
F: +43 (0)1 804 13 24
E: office@wienmuseum.at

Wien gilt häufig als eine Metropole der Erinnerung, als eine Pforte zu vielen Vergangenheiten, vielschichtigen und übereinandergeschichteten Zeitebenen. Sie alle haben in der Stadt ihre Spuren hinterlassen, haben ihr ein unverwechselbares Gesicht gegeben.
Doch die Stadtlandschaft kann nicht notwendigerweise konkrete Aussagen treffen über die Menschen, die sich in ihr aufgehalten haben oder aufhalten. Sie haben die urbane Kulisse gestaltet und aufgebaut, doch an ihrer Hinterlassenschaft lässt sich nur schwer ablesen, wer sie waren, was sie bewegte und wie sie sich zu erkennen gaben. Die Stadt aus Stein und Glas verrät höchstens, wie sich ihre Bewohner sehen wollen oder sehen - doch das sind in der Regel verzerrte Bilder.
Eine Stadt ist immer mehr als die Summe ihrer Bewohner: Sie besteht aus Atmosphäre, aus Aura, aus Geschichten und Geschichte. All das wird aber getragen und bestimmt von den Menschen, die sie beherbergt. Doch ausgesprochen diese Gestalter bleiben zumeist ausgeschlossen aus den grandiosen Stadtansichten, bleiben gesichtslos, reduziert zu bloßen Statisten.
Wiener en face Portraits von Karrieren soll die Wiener - besser die Menschen, die in Wien leben und gelebt haben und es zu dem gemacht haben, was es heute ist - wieder ins Angesicht zurückrufen. Die Ausstellung besteht aus einem Puzzle von xyz Einzelbildern. Gesichter aus allen Epochen und sozialen Schichten, jeden Geschlechts und jeden Bekenntnisses, Schuldige und Unschuldige, Helden und Schurken, jeder und jeder auf seine Art mitverantwortlich für das kollektive Bewusstsein. All diese Gesichter treten dem Besucher in identisch gemalten Porträts gegenüber. Sie werden wertungsfrei präsentiert; nur die Gesichter sprechen für sich selbst. Lässt sich an ihnen aber das Wesen einer Stadt ablesen, ihr Charakter, so wie immer versucht wurde, vom Antlitz eines Menschen eine Charaktermaske abzuleiten, die unmissverständlich die Persönlichkeit versinnbildlicht.
Im Unterschied zur architektonischen Topographie eines Ortes - der ja viel vom kollektiven Unterbewusstsein verrät - ist eine physiognomische Stadtlandschaft jedoch ein wild zerklüftetes Territorium, das nicht so ohne weiteres einer Seelenlandschaft zugeordnet werden kann. Jedes einzelne Gesicht steht für sich alleine und repräsentiert dennoch ein Kollektiv. Es stellt durchaus ein neues kognitives Experiment dar, herausfinden zu wollen, ob aus der Gesundheit der Gesichter jener Personen und Biographien, die der Künstler für symptomatisch für das Wesen der Stadt hält, eine wiedererkennbare Ansicht entstehen kann; ob sich die einzelnen Gesichter zu einem Stadtgesicht vereinen werden, die Vielfalt zur Einheit verschmilzt. Die Arbeit des Künstlers an diesem Ausstellungsprojekt entspricht der Arbeit in einem optischen Labor. Indem er Gesicht um Gesicht hinzufügt füllt er ja nicht bloß eine Portraitgalerie mit willkürlichen Konterfeis, sondern arbeitet viel mehr an einem Mosaik des Stadtgesichts, das von einzelnen Gesichtern verkörpert wird. Dieser Widerspruch kennzeichnet jede selbstbewusste Gesellschaft: Dass der Einzelne nicht im Kollektiv auf- und verloren geht und zugleich das Kollektiv die Einzelnen in sich aufnimmt und verschlingt.
Natürlich ist in diesem Zusammenhang die Auswahl von zentraler, wenn auch nicht von wesentlicher Bedeutung. Bei einer nahezu unbestimmbaren Millionenzahl von Möglichkeiten gibt es keine empirische Technik, mithilfe derer ein exakt repräsentatives Sample ermittelt werden könnte (vergleichbar der Methode in der modernen Meinungsforschung, wo sich mittels statistischer Eckdaten ein stellvertretender Querschnitt ermitteln lässt). Es kann nur eine subjektive Auswahl in Betracht kommen, die gekennzeichnet ist von der Signifikanz einer Persönlichkeit in den Augen des Künstlers. Wer repräsentiert für ihn die Klischees, die von dieser Stadt ausgehen, wer versinnbildlicht für ihn die Stimmungslagen, die ihn in Wien umfangen und wer die Eindrücke, die er von der Stadt erhält? Welche Gesichter und welche Biographien will er haftbar und verantwortlich machen für das historische Konstrukt der Stadt und für ihre emotionale Ausstrahlung? Seine Auswahl ist zugleich Verteilung und Ehrung. Wen er für wesentlich hält der muss in seinen Augen auch zum Wesen der Stadt entscheidend beigetragen haben. Wobei es hierbei nicht auf die spezifische Rolle der Einzelnen in den Chroniken oder im populären Gesprächshaushalt ankommt, sondern auf die subjektive Wahrnehmung. Hierbei erweist es sich als Vorteil, dass der israelisch-österreichische Maler Oz Almog Innen- und Außenansicht vereint. Er kennt beides: Die Nähe und die Distanz zu der Stadt und seine Entscheidung für ein Gesicht fällt in dieser Pendelbewegung zwischen hier und dort.
Oz malt seine Portraits emotionslos, mit mechanischer Präzision, er wertet nicht in seiner Darstellung (was stets eine große Versuchung für jeden Portraitisten ist), sondern fühlt sich der Erscheinung ihres Anblicks verpflichtet. Wie dann Gesicht und Lebenslauf zusammenpassen, eröffnet eine zusätzliche Ebene dieses Projekts. Beides, Biographie und Bild, müssen in dieser subjektiven Projektion des Begriffes Wien auf die Gesichter der Stadt, so objektiv wie irgend möglich gestaltet werden.
Wiener en face - Portraits von Karrieren ist ein Überblick: ein großes historisches Panorama der Stadtphysiognomie. Sich darin wiederzuerkennen sind die Besucher eingeladen.

Oz Almog
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